Alles begann im März 2023 mit einer Einladung nach Tirol. Das Dokumentationsarchiv Migration Tirol – DAM veranstaltete mit dem Zentrum für Migrantinnen und Migranten in Tirol (ZeMIT) und der Universität Innsbruck eine Tagung zum Thema „Flucht ins Archiv“ und bat Herbert Langthaler aus seiner langjährigen Erfahrung zu berichten. Vertreter:innen von Beratungseinrichtungen, Aktivist:innen, Studierenden und Forschenden tauschten sich bei der Tagung darüber aus, inwiefern historische Spuren von Flucht und Asyl in Archiven auftauchen, wie und wo aktuell gesammelt wird und welche Leerstellen es gibt. Bei der Gelegenheit kam das Gespräch auf die vielen Unterlagen, die die asylkoordination seit ihrer Gründung 1991 gesammelt hat: wie in vielen anderen Organisationen auch, fristeten diese in Kästen und Kisten ein unbeachtetes Dasein und liefen in Gefahr, bei Platzmangel in naher Zukunft entsorgt zu werden.
Zivilgesellschaftliche Organisationen wie NGOs, Vereine und Initiativen vertreten Menschen, deren Perspektiven aufgrund struktureller Ausschlüsse häufig nicht Teil dominanter Erinnerungskulturen sind. In vielen Organisationen fehlen Zeit, Ressourcen und institutionelle Strukturen, um dieses Wissen langfristig zu sichern. Dadurch bleiben zivilgesellschaftliche Perspektiven in Archiven und historischen Narrativen oft unsichtbar. Im Zusammenhang mit gegenwärtigen globalen Verwerfungen und nationalen Rechtsschüben, erscheint die Aufbewahrung von Aufzeichnungen, die von NGOs, Verbänden und zivilgesellschaftlichen Initiativen zusammengetragen wurden und werden, einmal mehr als dringende Aufgabe für eine vielschichtige Geschichtserzählung und -beforschung, die auch Migration und Flucht umfasst.
Auf diesem Wege kamen Herbert Langthaler und Christina Hollomey-Gasser vom DAM ins Gespräch und suchten nach einer Möglichkeit, die wertvollen Unterlagen der asylkoordination zu bewahren, um das darin enthaltene Wissen auch für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das DAM erschien als geeigneter Ort für dieses Vorhaben.
Eine Kooperation zwischen Wien und Tirol
Die Sicherung von Unterlagen in Tirol scheint für eine in Wien basierte Organisation nicht gerade naheliegend. Jedoch konnte sich das DAM bisher in Österreich als aktivste Einrichtung etablieren, die dezidiert zur Geschichte von Migration und Flucht sammelt, diese archiviert und auch für die Öffentlichkeit zugänglich macht. In der Bundeshauptstadt waren die jahrzehntelangen Kämpfe und Forderungen nach einem Archiv der Migration bislang leider nicht erfolgreich: Man erinnere sich an die wegweisende Ausstellung „Gastarbajteri“ im Wien Museum 2004, sowie an Ljubomir Bratićs und Arif Akkılıçs Kampagne „50 Jahre Arbeitsmigration – Archiv jetzt!“ im Jahr 2012. Aktuell schließt das Kollektiv MUSMIG an diese ursprüngliche Forderung an und setzt sich in vielfältigen Interventionen für die Errichtung eines Museums für Migration ein. Ein Depot bzw. eine funktionierende Archivstruktur konnte aufgrund mangelnden politischen Willens jedoch bisher nicht geschaffen werden.
Zurück ins Jahr 1991…
… als die asylkoordination österreich gegründet wurde und Mitstreiter:innen wie Anny Knapp, Heinz Fronek, Herbert Langthaler u.v.a. ihre Tätigkeiten und Aktivitäten penibel zu dokumentieren begannen. Zeitschriften, Hochschulschriften, Projektunterlagen, Kassetten, CDs, Plakate, rechtliche Härtefälle, etc. sammelten sich an, die wir – dicht an dicht in hohen Wandschränken im Besprechungsraum des Büros in der Burggasse abgelegt – vorfanden.
Konstantina Hornek, die für das Projekt gewonnen werden konnte, sah sich einer Mammutaufgabe gegenüber. Unterstützt durch Herbert Langthaler und Anny Knapp in inhaltlichen Fragen und vom DAM in archivarischen Belangen, schaffte es Konstantina die ursprünglich in über 200 Ordnern, unzähligen Stapeln und Kisten verteilten Unterlagen in rund 150 Archivkartons zu sortieren und deren Inhalte zu verzeichnen.
Der Bestand umfasst ein breites Spektrum an Materialien, welche sowohl die interne Vereinsgeschichte als auch die österreichische Asyl- und Migrationspolitik und -praxis seit den 1990er-Jahren widerspiegeln. Insbesondere für die Aufarbeitung der Periode nach dem Fall des Eisernen Vorgangs und dem damit einhergehenden Paradigmenwechsel in der österreichischen Migrations- und Flüchtlingspolitik stellen die Archivbestände der asylkoordination eine eminent wichtige Quelle dar.
Der Bestand wurde schließlich in eine 12-teilige Grundstruktur unterteilt, die aus dem Material heraus erschlossen wurde. Diese umfasst:
Organisations- und Vereinsunterlagen
Gründungsdokumente, interne Protokolle, Behördenkontakte sowie Unterlagen zu Fortbildungsmaßnahmen
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Pressespiegel und -mitteilungen, Publikationen, Informationsmaterialien (Flyer, Postkarten etc.)
Netzwerke und Kooperation
Dokumentation nationaler und internationaler Netzwerke, Arbeitskreise, Konferenzen und fachlicher Austauschformate
Monitoring und Advocacy
Unterlagen zu Gesetzgebung, Falldokumentationen, parlamentarische Anfragen sowie Kampagnen und Aktionen
Projektunterlagen
Dokumentation nationaler und internationaler Projekte der asylkoordination in den Bereichen Bildung, Integration, Gesundheit oder Partizipation
Thematische Sammlungen
Zusammenstellung zu zentralen Themenfeldern wie Asylpolitik, Rassismus, Grenzregime und spezifische Fluchtkontexte
Archiv zu unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen
Materialiensammlungen
Audiovisuelle Medien
Fotosammlung und audiovisuelle Datenträger sowie chronologisch angelegte Sammlungen
Zeitschriftensammlung
Hochschulschriften
Graue Literatur
Plakatesammlung mit über 200 Plakaten
Archivierung als Prozess - Workshop
Die Archivierung stellte uns vor viele grundlegende und schwierige Fragen: Welche Unterlagen sind bedeutsam? Was kann aussortiert werden? Was ist eventuell andernorts besser aufgehoben? Welche Herausforderungen treten in Bezug auf die Bewahrung und Veröffentlichung solcher Unterlagen auf? Wie gehen andere Organisationen damit um? Archivtechnisch gesehen bestehen kaum Erfahrungswerte im Umgang mit so jungen Vereinsunterlagen, die nicht rein aus einer Verwaltungsperspektive bewahrt werden sollen. Datenschutzfragen wie der Umgang mit sensiblen, persönlichen Daten sind jedenfalls von höchster Bedeutung.
Um einen Austausch über diese Fragen anzuregen, luden wir zu Projektende Akteur:innen zivilgesellschaftlicher Vereine, Archivar:innen und Forscher:innen zur Diskussion über diesen Prozess zu einem Workshop ein.
Auch hatte Konstantina Hornek die Gelegenheit, das Projekt beim internationalen Workshop „Archives of Migration. Participation, Knowledge Production and Collaboration“ im Dezember 2025 in Prag vorzustellen. Dieser Erfahrungsaustausch bestätigte uns in der Herangehensweise, Archivierung als Prozess zu betrachten, in dem die Archivar:in und kontextabhängige Faktoren (Zeit, Raum, Politik) eine entscheidende Rolle spielen. Möglichkeiten werden ausgelotet, Praxen erprobt und Fehler werden gemacht. Für die zukünftige Nutzung und Einordnung ist aber vor allem entscheidend, diesen Prozess möglichst transparent zu dokumentieren. Wir hoffen, dass uns dies gelungen ist bzw. noch gelingen wird. Auch die punktuelle Zusammenarbeit mit staatlichen Archiven oder spezialisierten Archiven, wie bspw. Der Österreichischen Mediathek, ist eine mögliche Strategie, um Unterlagen zu bewahren oder mehr Sichtbarkeit zu schaffen.
Was jetzt?
Schon bald werden alle Archivkartons in Innsbruck angekommen sein. Dann beginnt die Arbeit, eine Übersicht der Unterlagen ins Online-Archiv zu übertragen und Restbestände zu sortieren. Wenn dies geschafft ist, kann jede Person sehen, welche Materialien im Bestand der asylkoordination österreich in welchem Umfang etc. vorhanden sind. Je nach Datenschutz stehen die Unterlagen dann der Öffentlichkeit und Forschung zur Verfügung. Wir freuen uns über spannende Forschungsvorhaben oder Ausstellungsprojekte, in denen wir die Geschichte der asylkoordination zukünftig wiederfinden!
Ein Beitrag von Christina Hollomey-Gasser und Konstantina Hornek. Fotos: Konstantina Hornek und Christina Hollomey-Gasser. Der Beitrag erscheint auch in der Märzausgabe der asyl aktuell.